Gut gelaunt sitzt uns Sven Hirschfeld Araujo in seinem Long Hill Studio in Deerfield gegenüber. So plaudern wir über Anfänge und Entwicklungen dieser Ausnahmeband und natürlich die neue CD „Immerhin“, welche jetzt schon als legitimer Nachfolger der Erfolgsalben „No way to heaven“ und „The road“ gilt.

 

Stromgitarre: Wie hat eigentlich Deine Musikerkarriere angefangen?

 

Sven: Letztlich bin ich durch meine Eltern zur Gitarre gekommen, waren doch beide die „Chefgitarristen“  ihrer jeweiligen Pfadfindergruppen, eben meine ersten „Guitarheroes“(lacht). Da beide aber absolute Autodidakten waren, wollten sie mir einen fundierten Unterricht geben und steckten mich in die Jugendmusikschule Hamburg zur klassischen Ausbildung. Da war ich gerade mal 12 und es sollten die musikalisch gesehen schlimmsten Jahre meines Lebens werden, denn ich war bezüglich der klassischen Gitarre der denkbar faulste Schüler und mein Lehrer der ungeduldigste Pädagoge der Schule. Diese Mischung ging gerade mal ein Jahr gut und dann flogen die Fetzen.

 

Stromgitarre: Inwiefern?

 

Sven: Nun, ich konnte zwar nun Noten, Wechselschlag und Fingersatz, hatte aber darauf überhaupt keinen Bock mehr. Mein Lehrer sagte immer ich sei einer der musikalischsten Schüler, aber auch mit Abstand der Sturste und Faulste. So intervenierte mein Vater mit dem Beatles-complete-Buch als Kompromisslösung und stellte so beide Seiten zufrieden. Mein Lehrer hatte seine Noten und ich meine Akkorde!! Das war wirklich ein genialer Einfall meines Vaters und er rettete damit wohl auch meine Karriere. Thank´s Dad!!!

 

Stromgitarre: Und wie ging es dann weiter?

 

Sven: Trotz dieser insgesamt 2 Jahre relativ erfolgreicher Unterrichtszeit und dem Kauf meiner ersten E-Gitarre, einer 1980er Epiphone Scroll rührte ich die Gitarre fast ein Jahr nicht mehr an, zumal ich auch keine Band zum Üben hatte. Eines Tages sprach mich mein Vater an, denn er hatte gehört, dass ein Sohn seiner Arbeitskollegin für seine Band einen Rhythmusgitarristen suchte. Ich rief an und war nach einem kurzen Gespräch mit 15 Jahren das jüngste Bandmitglied, denn alle anderen waren schon so um die 18. Von dem besagten Sohn lernte ich dann die ersten Essentials und vor allem das laute Spielen über einen großen Amp. Er lieh mir seinen Marshall JCM 800 50W mit Master und ich hatte, trotzdem ich der schlechteste Musiker in dieser Band war, echt viel Spaß.

 

Stromgitarre: Und wie entstand dann Abraxas?

 

Sven: Parallel zu dieser Band lernte ich in der Schule Lars (Lange, langjähriger Gitarrist bei Abraxas bis 1997, Anm. d. Red.) und Holger kennen. Beide hatten zwar Bock auf Musik, konnten aber noch gar kein Instrument spielen. Sie zeigten sich weniger von meiner „Spielkunst“ (lacht) und wohl mehr von der E-Gitarre so beeindruckt, dass sie Unterricht nahmen. Lars und Holger hatten zunächst beide Gitarrenstunden, dann aber entschied sich Holger (Gott sei Dank) für E-Bass. So fehlten noch die Drums, welche von einem anderen Klassenkumpel Stefan (Ninnemann, Vorgänger des jetzigen Drummers Ulrich Döring, Anm. d. Red.) übernommen wurden. So fingen wir an ausschließlich eigene Songs zu spielen und die ersten Auftritte zu machen. Natürlich cancelte ich den anderen Bandjob relativ zügig danach. (Anm. d. Webmasters: Mehr Infos zu früheren Bandmitgliedern in der Bandchronik ).

 

Stromgitarre: Und wie ging es dann bis heute weiter?

 

Sven: Wir probten und spielten regelmäßig live, hatten immer gute Ideen und warfen trotz teilweise schwerer Zeiten niemals das Handtuch. Letztlich fanden wir mit Ulrich (Drums) und Uli (Keys & Percussion) einfach passende Menschen und Musiker und konnten auch das Gesangsproblem nach den Weggängen unserer diversen Sänger/innen lösen, indem ich aus der Not eine Tugend machen musste.

 

Stromgitarrre: Fühlst Du Dich denn als Sänger nicht wohl?

 

Sven: Ich bin und bleibe Vollblutgitarrist. Ich atme meine musikalischen Ideen ein und mit der Gitarre aus. Der Gesang entwickelt sich besser als ich dachte, ist aber weiter im Verhältnis der eindeutig intensiver zu beübende Teil meines Könnens. Eine große Hilfe dabei ist natürlich die Band und Axel, der als versierter Partner mittlerweile viele Parts übernimmt und mir die Luft zum Singen gibt!!

 

Stromgitarre: Du hattest auch noch andere Projekte, wie wir hörten?

 

Sven: Nun, ich habe viel probiert ohne Abraxas je riskiert oder vernachlässigt zu haben. Hier seien mein kurzer Ausflug in die Gothic-Scene mit der CD Produktion von “Girls under Glass” 1996 und natürlich meine Zeit im Acoustic Duo Steve & Sven erwähnt. Von Steve konnte ich mir in unseren gemeinsamen Jahren gesanglich einiges abschauen, er ist einfach ein unglaublich guter Sänger mit viel Gefühl.

 

Stromgitarre: Hattest oder hast Du Vorbilder?

 

Sven: Am Anfang stand für mich die AC/DC-Rhythmus-Gitarren Schule auf dem Programm und das tagtäglich. Ich konnte alle Malcolm Young Stimmen auswendig und halte ihn in seinem Genre für einen der Besten. Für die Entwicklung meiner Technik waren sicherlich Major Heuser von BAP und später Steve Morse weitere Orientierungshilfen. Speziell meine Eigenart nahezu jeden Ton anzuschlagen habe ich von Morse. Er spielt einfach in einer anderen Liga. Gefühlsmäßig liebe ich Satriani und Ungläubigkeit erfahre ich bei Vai, wobei dieser in einer eigenen, für mich nicht erschließbaren Welt spielt. Eine Art „Seelenverwandten“ in Gefühl und Spieltechnik habe ich vor gut 3 Jahren in Keith Urban gefunden. Die erste Live-DVD „Livin right now“ war wirklich sound- und songtechnisch eine Offenbarung und gleichzeitig fühlte ich mich seinem Spiel sofort vertraut. Als hätte man eine Art „Gitarren-Bruder“ getroffen. Es war aber immer so, dass ich von diesen unerreichbaren Größen nur Hinweise genommen und sie in mein individuelles Spiel integriert habe. Ich wusste immer ungefähr wie ich klingen wollte und habe nie blind kopiert. Meine Gefühle sind und bleiben eben die Basis meines Spiels und da hilft ein Nachahmen ohne eigene Entwicklung herzlich wenig. Es ist wichtig, seine eigenen Ansprüche hoch zu halten und sie niemals zu vergessen.

 

Stromgitarre: Dein Equipment?

 

Sven: Schön, dass Du fragst, denn davon träumt doch ein jeder Gitarrist mal dem Stromgitarre-Journalisten ein Ohr abzukauen (lacht). Scherz beiseite, meine Hauptgitarren sind derzeit eine Gibson Les Paul 56 Goldtop Reissue, eine 79er Kawai Aquarius von Grüning runderneuert (mehr zu dieser Gitarre in einer liebevollen Hommage hier, Anm. d. Red.), eine 99er USA Standard Tele in Sunburst und, endlich gefunden, eine 2003er Gibson ES 335 Light burst mit außerordentlich fettem Ton. Je nach gefordertem Sound kommen noch eine PRS SE One Vintage Cherry mit Amber P 90 Spezial-Schaltung, eine 89er Total-Maple-Strat mit SSH-Schaltung und Schaller Floyd Rose System (Custom made vom Hamburger Gitarrenbauer Carsten Grüning - hat seine Werkstatt bei No 1 Music Store in Hamburg-Altona, Anm. d. Red.) und eine 99er Gibson SG Special Heritage Cherry mit Single Coil/Humbucker Bestückung ins Spiel.

 

Stromgitarre: Hattest Du nicht mal eine Epi Les Paul?

 

Sven: Stimmt, was Du alles weißt! Die besagte LesPaul Standard in Cherry red hat jetzt bei unserem gefühlten 6. Bandmitglied und Star Club Ehrengast Wolfgang ein neues Zuhause gefunden.

 

Stromgitarre: Und was spielst Du unplugged?

 

Sven: Akustisch spiele ich eine 95er Seagull S6 Flamed Maple Top mit integriertem PU-System und eine 62er handgebaute Konzertgitarre aus Bremen, ein unglaubliches Teil.

 

Stromgitarre: Verstärkung?

 

Sven: An Amps habe ich viel probiert, Holger und Axel würden sagen es ist eh völlig wurscht, klingt sowieso immer gleich und ich glaube, da ist was Wahres dran (lacht). Jedoch mussten wir einräumen, dass die neueste Amp-Errungenschaft etwas Außergewöhnliches darstellt. Mit viel Glück habe ich einen Matchless DC 30 (Sampson-Ära) erstehen können, und dieser hat uns echt umgehauen. So einen Ton habe ich bisher noch nicht gehört. Jede Probe freue ich mich nun aufs Neue und staune über Druck, Transparenz und Dynamik dieses Teils. Mein Vox Tonelab SE Floorboard dient derzeit als Boost und Effekteinheit, während ich die Kanäle des Matchless mit einer Lehle Dual A/B Box ansteuere. Die letzte Prise Gain kommt für den Topboost Kanal des Matchless von einem TS9 und/ oder einem custom made TS 808 Klon, von Todde Lührs aus Hamburg-Altona (Danke, alter Blueser!). Bei Bedarf, sprich auf größeren Bühnen, belüftet der Matchless zusätzlich meine neu erstandene Vox V412BN. Dieses Teil passt wie angegossen zum Matchless, eigentlich auch kein Wunder, denn der DC 30 ist ja bekanntermaßen dem AC 30 entsprungen. Diese Kombi klingt vor allem dann perfekt, wenn der Matchless richtig laut gefahren wird, also im 30W-Modus. So komme ich derzeit gut klar.

 

Stromgitarre: In Muckerkreisen hast Du dir die Zusatzqualifikation “Facharzt für Ton” erworben. Wie sieht es aus mit ein paar heißen Pickup-Geheimtipps für unsere Leser?

 

Sven: Aber gewiss doch! Über ursprünglich nur eine Replacement-Aktion habe ich mittlerweile sämtliche Gitarren von Wolfgang Damm (Amber-Pickups) "pimpen" lassen (lediglich die ES 335 wird nicht angerührt, die ist perfekt so wie sie ist!). Ich habe bisher noch nie solch dynamische Pickups gespielt. Alles klingt insgesamt freier, keine Kompression mehr, die Gitarren klingen unmittelbar nach Ihrem Holz, ihrem Charakter, egal ob Humbucker, P 90 oder Single Coils. Der letzte „Clou“ war ein Auftrag an Wolfgang mir einen Pickup für die „berüchtigte Steg-Position der Kawai Strat anzufertigen. Eigentlich kann man als Pickup Konstrukteur bei diesem Auftrag nur alles verkehrt machen...aber mitnichten der Wolfgang! Seine Kreation: Ein Overwound-Single Coil auf Metallplatte mit mächtig Dampf.

 

_BAN0175-300Stromgitarre: Klingt interessant! Aber hat der dann nicht in Kombination mit anderen Pickups zu viel Druck?

 

Sven: Ja, deshalb war mein Wunsch diesen mit einem Tapping (Anzapfung, also etwas weniger Output, Anm. d. Red.) für die Zwischenpositionen zu versehen, denn ich habe neben der bekannten Steg/Mitte noch in der Mittelstellung Steg/Hals in Kombi-also die telemäßige Variante.

 

Stromgitarre: Und wie ist der Sound?

 

Sven: Am Steg ein satter Ton sehr nahe am P 90 ohne diesen fiesen, dünnen „Eierschneider“ Sound und in den Zwischenpositionen die gewünschte „Knopfler-Glocke“ bzw. das „Country und Western-Brett“. Ach ja, der Name dieser Kombi: Fatsteel! Ich kann es somit nur jedem dringend empfehlen mal mit Wolfgang Kontakt aufzunehmen, einfach und unkompliziert über seine Homepage. Eine schnelle Antwort ist garantiert. Zudem ist er ein echt supernetter Mensch mit viel Liebe zur Gitarre und einem sehr guten Gehör.

 

Stromgitarre: Machst Du alles an Deinem Equipment selber oder hast du Spezialisten dafür?

 

Sven: Nee, nee, an meine Amps gehe ich nicht ran. Da möchte ich hier unseren seit Jahrzehnten treuen und bewährten Amp-Guru Ulli Thiel von ASC erwähnen. Der hat immer einen Plan und kann bedingungslos empfohlen werden! Alle unsere Gitarren (auch Bässe) sind beim Gitarrenbauer Carsten Grüning von No 1 perfekt aufgehoben. Es gibt keinen Besseren!

 

Stromgitarre: Ein anderes Thema: Worin liegt der Unterschied zwischen euren CD’s?

 

Sven: Man kann sie nur schwer vergleichen. „No Way to heaven“ ist ja quasi ein „Best of“ der bis dato gelebten Abraxas Geschichte, während hingegen „The road“ und „Immerhin“ nahezu ausschließlich aus neuem Material bestehen. Für mich steht natürlich die Entwicklung und bessere Einbindung der Vocals im Vordergrund. War „No Way to Heaven“ noch sehr fokussiert auf perfekte und akribische Gitarrenarbeit, gehen „The road“ und vor allem „Immerhin“ wieder mehr auf den Song und seine Stimmung ein. Es gibt erheblich weniger Overdubs, alle spielen somit mehr miteinander und damit letztlich auch songdienlicher. Dazu kommt, dass viele Songs gerade auf „Immerhin“ in Zusammenarbeit mit der gesamten Band und natürlich mit mehr Erfahrung und besserer Aufnahmetechnik entstanden und aufgenommen wurden. Und das hört man, wie ich finde, deutlich. Letztlich kann aber noch so viel Talent, Können und Technik eines niemals ersetzen: Nämlich einen einfach guten Song in dem Gefühle, Stimmungen und Stil von Text und Musik ineinander greifen, als hätten sie sich gesucht und gefunden!

 

Stromgitarre: Was liebst Du an Abraxas?

 

Sven: Zu allererst die Freundschaft untereinander, denn sie ist ein Hauptgrund für die ungewöhnlich lange und harmonische Zeit des Zusammenspielens. Dann kommt natürlich die Qualität der Musiker hinzu: Holger ist der beste Bassist der Welt, ich kenne keinen filigraneren und ehrgeizigeren Techniker an seinem Instrument, und außerdem verstehe ich ihn mittlerweile  blind. Dabei groovt er noch so unglaublich. Hut ab. Uli (Keys) ist ein Wunder an Vielseitigkeit und Schnelligkeit. Keiner kann so viele verschiedene Instrumente in kürzerer Zeit lernen. Außerdem hat er das Maß an Zuverlässigkeit das mir fehlt, ganz zu schweigen von seinen technischen Fähigkeiten beim Producing. Nicht umsonst gilt der Spruch in der Band: „Uli hat einen Plan...“. Ulrich (Drums) spielt so unglaublich laut und groovy, man wippt einfach mit dem Fuß, wenn er alleine spielt und das ist sehr selten bei Trommlern. Außerdem kann man Ihn immer noch mit Ideen herausfordern, so ganz frei von Starrköpfigkeit. Axel erstaunt mich von Jahr zu Jahr mehr. Was er an Ton und Technik gleichermaßen entwickelt und das trotz meiner nervigen Wenigkeit, die ständig herumkritisiert... Außerdem bringt er durch seine Mandoline und Open Tunings so viel Farbe ins Spiel. Er ist zu einem gleichwertigen Partner geworden und ich möchte ihn nicht mehr missen.

 

Stromgitarre: Vielen Dank für das Gespräch.